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DAS BESONDERE IM NORMALEN - DER JOHANNESHOF

„Es ist normal, dass man an einem Ort wohnt und dass die üblichen Aktivitäten an einem anderen Ort ausgeführt werden. Es ist normal, dass Kinder zu Hause wohnen und dass man das Zuhause verlässt, wenn man erwachsen wird. Es ist normal, dass Erwachsene eine Arbeit haben, dass man Freizeit und Ferien hat. Und es ist normal, dass man in einem zwei-geschlechtlichen Milieu wohnt und dass man heiratet, wenn man den Drang verspürt. Was so banal klingt und was jeder für sich als selbstverständlich ansieht, gilt in der Regel nicht für behinderte Menschen. „Normal“ war (und ist auch heute noch oft) für diese Menschen die Unterbringung in großen Heimen, oft fernab der Städte, mit angegliederten Werkstätten, streng nach Geschlechtern getrennt und mit fest geregeltem Tagesablauf.”

ALS SILKE KRÜNING-SELL diese Sätze zum zehnjährigen Bestehen des Johanneshofes schrieb, ging es ihr nicht darum, die geistig behinderten Bewohner des Johanneshofes zur Normalität zu erziehen. Sie wollte vielmehr den nicht behinderten Menschen klar machen, dass die Behinderung eine natürliche Variation des Menschlichen, eben etwas „Normales“ darstellt. In diesem Geist betreut sie seit dreizehn Jahren fast zwanzig Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen. Als wir 1992 der jungen Frau die Leitung des Johanneshofes übertrugen, gab es von vielen Seiten Bedenken. Sie habe ja für eine so wichtige Aufgabe noch keine Berufserfah­rung, überhaupt sei sie ja noch zu jung und müsste das Arbeitsleben erst einmal kennen-lernen. Diese Bedenken waren sicherlich nicht einfach von der Hand zu weisen. Silke Krüning-Sell hatte damals gerade ihr Anerkennungsjahr als Sozialpädagogin in unserer Kirchengemeinde abgeleistet und suchte ihre erste Arbeitsstelle. Da sie schon ihr Praktikum als Studentin der Evangelischen Fachhochschule bei uns absolviert hatte, hatten wir einen Eindruck von ihrem Fleiß, von ihrer Energie und auch ihrer Phantasie. Heute – fast fünfzehn Jahre später – sind wir froh, dass wir uns seinerzeit über alle Bedenken hinweggesetzt und der jungen Frau diese Aufgabe übertragen haben. Manchmal wird Vertrauen in einem Menschen belohnt. Silke Krüning-Sell hat entscheidend dazu beigetragen, dass jeder, der heute den Johanneshof betritt, die ganz besondere  Atmosphäre dieses Hauses spürt. Es sind nicht nur das schöne, über zweihundert Jahre alte Fachwerkgebäude, das parkartige Außengelände mit seinem Brunnen mitten im alten Ortskern oder die Hühner, Ziegen und Meerschweinchen der Bewohner, nein, es ist vor allem die besondere Fröhlichkeit und Herzlichkeit der Menschen, die dort ein Zuhause gefunden haben.Ungläubiges Staunen zeigt sich auf den Gesichtern der Zuhörer, wenn Silke Krüning-Sell von ihren Reisen mit den behinderten Bewohnern des Johanneshofes durch ganz Europa erzählt. Wer selbst einmal in Istanbul war, kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie man es schafft, bei den hohen Bordsteinen, den überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Geschiebe und Gedränge im Basar mit einer Gruppe Behin­derter, drei davon im Rollstuhl, zu „überle­ben“. Silke Krüning-Sell kennt da keine unlös­baren Probleme. Immer hat sie ihre „Truppe“ wieder heil nach Wettbergen zurückgebracht. Nicht nur Istanbul, auch Amsterdam, Prag, Danzig, Berlin oder Budapest waren Reiseorte der Johanneshofbewohner. Die letzte Reise führte bis in den tiefen Südosten der Türkei. Diese Reisen sind ein Stück Besonderes im Normalen.

Vor über zwanzig Jahren kamen sie zum ersten Mal im Gemeindezentrum zusammen: Angehö­rige behinderter Menschen, die die Integration ihrer Angehörigen in das kirchliche Gemeinde-leben wünschten. Es fanden 14tägig Frühstücksrunden statt. Zu den Treffen gesellten sich bald Freunde und Familien, die selbst keinen behinderten Menschen in ihren Reihen hatten

"Ein Stückchen Vorhof des Himmels" - Zur Geschichte des Johanneshofs

SCHNELL WURDE aus einem Erfahrungs­austausch ein Gespräch über die Chancen behinderter Menschen bis zu Visionen einer Welt, in der auch behinderte Menschen ihr selbstverständliches, gleichberechtigtes und sinnvolles Leben haben. Zwei Jahre später erklärt der Kirchen-vorstand die Integration behinderter Menschen in unserem Stadtteil zu einem besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit. Barbara Baldauf, die Soziologin im Team­pfarramt, koordiniert diese Arbeit und gründet 1987 den Verein Freundeskreis für Behinderte und Nichtbehinderte Wett-bergen e.V. In diesem Jahr besuchen Mitglieder des Freundeskreises und des Pfarramtes beinah jedes erreichbare Modell, jede Behinderten­einrichtung in Norddeutschland. Gespräche werden geführt, Pläne entwickelt und
verworfen. Ein Jahr später nimmt ein Traum erste konkrete Vorstellungen an. Mitten in Wettbergen soll ein denkmal­geschützter, über 200 Jahre alter Vier­ständerhof gekauft und zu einer Heimat für behinderte junge Menschen umgebaut werden. In dieser Planung sind auch Wohnungen für N ichtbehinderte vorgese­hen. Sie lässt sich später aus finanziellen Gründen nicht verwirklichen. Eine überzeugende Öffentlichkeitsarbeit trägt viel dazu bei,dass auch die umliegen­den Nachbarn des Hofes in dem geplanten Projekt eine Bereicherung für unseren Stadtteil sehen. Gleichzeitig finden sich großzügige Spender und Sponsoren, so dass ein Jahr später bereits Hof und Gelände gekauft werden können. Da dem Vorstand für den Aufbau und die Geschäftsführung eines solchen Vorhabens die Kenntnisse und Erfahrungen fehlten, kaufte sich 1988 der Freundeskreis als Gesellschafter in die Gemeinnützige Gesellschaft für Integrative Sozialdienste unter der Bedingung ein, dass diese Gesellschaft die Planung und Finanzierung eines integrativen Wohnprojekt für junge behinderte und nicht behinderte Menschen übernehmen würde. Inzwischen hatte der Freundeskreis in den ersten zwei Jahren mit Hilfe einer phantasievollen Öffentlichkeits­arbeit, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Festen eine dreiviertel Million Mark an Spenden erhalten. Das war die finanzielle Grundlage für den Kauf des großen Grundstückes und des darauf stehenden denkmalgeschützten alten Bauernhofes. 1992 bezogen junge, vorwiegend geistig behinderte, Menschen den Johanneshof, der, wie es später einmal Gerhard Szagun, der Vorsteher des Annastiftes, formulierte, zu einem „Stück­chen Vorhof des Himmels“ geworden war. Aber die Bäume wachsen nicht in den Himmel, und vor Missmanagement sind auch kirchliche Einrichtungen nicht geschützt. 1994 wechselte der Geschäfts­führer der GIS in eine größere Einrichtung. Sein Nachfolger hatte nicht dessen glückliches Händchen. Von ursprünglich zugesagten Baumitteln in Höhe von 1,6 Millionen Mark wurden unter dem Hinweis, dass es sich nicht um ein Heim für nur
behinderte Menschen handele, sondern um ein integratives Wohnprojekt, nur DM 800.000,00 ausgezahlt. Der eingeschrittene Klageweg hätte Jahre gedauert. Selbst bei einer positiven Rechtsprechung hätte es den Johanneshof dann nicht mehr gege­ben. Nach einem Jahr mit vielen schlaflosen Nächten gelang es schließlich, mit finanzi­eller Hilfe des Landeskirchenamtes und der Lottostiftung und durch Gründung einer Auffanggesellschaft den Johanneshof zu retten. Als neue Trägergesellschaft lösten das Annastift und die Pestalozzistiftung die GIS ab. Die neue Gesellschaft ist eine Beson­derheit in der Diakonie, zwei etablierte große Diakonische Einrichtungen arbeiten mit dem kleineren kirchlichen Verein, dem Freundeskreis für Behinderte und Nicht-behinderte Wettbergen e.V., vor Ort zusammen. Ein Segen für die Behinderten, aber auch für die Kirchengemeinde und den Stadtteil Wettbergen.

Texte aus dem Medium Mai 2005


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lesen Sie auf der eigenen Homepage des Johanneshofes unter www.johanneshof-wettbergen.de