Die Johannes-der-Täufer-Kirche

Man nennt sie „Häuser desGlaubens“ – unsere Kirchen. Sie sind auch heute noch, was sie in der Zeit des Urchristentums waren: der überdachte Raum, in dem sich Christen versammeln, miteinander Gottesdienst feiern und ihren Glauben in Liturgie, Predigt, Gebet und Gesang zum Ausdruck bringen. Schon früh haben Christen begonnen, ihren Glauben auch in der äußeren und inneren Gestaltung der Gotteshäuser zum Ausdruck zu bringen. In den großen Kirchen der Romanik,  der Gotik und des Barock findet man die wohl bekanntesten  künstlerischen Ausdrucksformen christlichen Glaubens. Aber wer wirklich begreifen möchte, inwiefern sich christlicher Glaube im Äußeren und Inneren der Kirchen ausprägt, der darf es nicht bei dem Bewundern der aus Stein gemeißelten, aus Holz geschnitzten oder in Bronze gegossenen Figuren, der eindrucksvollen Gemälde oder der farbigen Bilderwelt der Glasfenster belassen. Er muss lernen, auch die Symbolik und die einzelnen Symbole zu erkennen, die im Kirchenraum verborgen und mit der Gestalt der Kirche selbst verbunden sind. Uns Heutigen erscheint die christliche Symbolsprache fast als eine Geheimsprache, aber in früheren Jahrhunderten war sie Künstlern und Kirchenerbauern eine durchaus geläufige Form, sich miteinander über den Glauben zu verständigen. Wir müssen diese Sprache erst wieder erlernen, doch schon die ersten Schritte dahin können uns vieles von dem geistigen Reichtum erschließen, der in unseren Kirchen verborgen ist.
 

Symbole – das sind Dinge des Alltags, die mehr enthalten, als auf den ersten Blick erkennbar ist, zum Beispiel eine besondere
Bedeutung im christlichen Glauben. Nehmen wir nur den Hahn auf unserem Kirchturm. Er ist eben nicht nur ein Wetterhahn, der die Windrichtung anzeigt, sondern der Hahn gilt als Künder des neuen Tages und des Endes der Nacht und lässt sich damit als ein Symbol für den Sieg des Lichtes Christi über die Macht der Finsternis verstehen. Deshalb finden wir seit über 1000 Jahren Hähne auf den Türmen von Kirchen.
Die Kirche in ihrer Umgebung
Auch in unserer so anspruchslos wirkenden kleinen Wettberger Dorfkirche findet sich die christliche Symbolsprache an verschiedenen Stellen wieder. Beginnen wir mit der Lage der Kirche. Sie ist wie die meisten Kirchen in West-Ost-Richtung erbaut und zwar so, dass sich der Altarbereich im Osten befindet, dort, wo die Sonne aufgeht. Die aufgehende Sonne symbolisiert aus christlicher Sicht die Auferweckung Jesu und in Verbindung der Darstellung des Gekreuzigten auf dem Altar will das uns sagen: Mit dem Tode Jesu am Kreuz war nicht alles aus, blieb diese Welt nicht dunkel wie in der Todesstunde. Mit der Auferweckung wurde die Welt mit neuem Licht erfüllt, wurde die Verheißung wahr: Siehe, ich mache alles neu. An unserer Wettberger Kirche kann man aber auch erkennen, welche Auswirkungen es hat, wenn das Verständnis für christliche Symbolik verloren geht. Denn irgendwann – wahrscheinlich zu Anfang des 20. Jahrhunderts – hat man in Wettbergen ausgerechnet das große Rundfenster hinter dem Altar zugemauert und in den 70er Jahren die vorher kahle Wand mit einem vom Wettberger Künstler Siegfried Hennig geschaffenen riesigen Kreuzigungsbild geschmückt. Wenn heute während des Gottesdienstes – besonders eindrucksvoll am Ostermorgen – durch das 1994 wiederentdeckte und geöffnete Rundfenster die Morgensonne scheint, beginnt wohl jeder Gottesdienstbesucher zu spüren, was es bedeutet, wenn Licht die Dunkelheit verdrängt, so wie unser Leben durch die befreiende Botschaft Jesu erhellt wird. Ein zur Zeit des Baus unserer Kirche entstandenes Kirchenlied bringt dies in schöner Weise zum Ausdruck:
Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschaffenen Lichte,
schick uns diese Morgenzeit
deine Strahlen zu Gesichte
und vertreib durch deine Macht
unsre Nacht.
Im Osten das Licht, im Westen die untergehende Sonne und die Dunkelheit. Nicht zufällig führte früher der Weg zu unserer Kirche
über den Friedhof und erinnerte an dunkle Tage des Lebens. Dieser Friedhof, der sich bis auf die Südseite der Kirche erstreckte, wurde erst relativ spät zugunsten des heutigen Friedhofs an der Hauptstraße aufgegeben, vermutlich, als die Zahl der Grabstellen nicht mehr ausreichte. Heute findet sich an seiner Stelle der neugestaltete Kirchvorplatz.
Das Kirchengebäude
Wenn man die Wettberger Kirche betritt, gehört zu den ersten Dingen, die auffallen, die ungewöhnliche Balkenkonstruktion unter
der Decke. Im Grunde ähnelt sie einem umgedrehten Schiff und sie befindet sich auch ausgerechnet über jenem Teil der Kirche, den man als Kirchenschiff bezeichnen könnte. Wenn man gelernt hat, nach verstreckten Symbolen zu suchen, kommen sofort Assoziationen zu biblischen Erzählungen, etwa von der Arche Noah oder vom großen Fischzug oder auch zu dem Kirchenlied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Aber diesmal wäre man mit solchen Überlegungen auf dem Holzweg. Diese Deckenkonstruktion stammt ebenso wie die massiven schrägen Stützpfeiler außen aus dem Jahr 1853. Sie sollte damals zusammen mit den Pfeilern verhindern, dass die Kirche unter dem Druck des schweren Daches im wahrsten Sinne des Wortes auseinanderbrach. Denn unsere Kirche ist nicht auf Felsboden gegründet, sondern auf einem aufgeschütteten Hügel, der sich damals unter dem Gewicht der Kirche in Bewegung gesetzt hatte. Auch anderes, was bei der großen Renovierung im Jahr 1994
entdeckt wurde, deutet darauf hin, dass die ca. 230 Einwohner („Seelen“) Wettbergens im Jahr 1696, dem Jahr des Baus der jetzigen Kirche, ein armes Dorf bewohnten. Die Mauern sind – wie ein Foto zeigt – aus völlig unterschiedlich großen Bruchsteinen
scheinbar wahllos aufeinander geschichtet, eigentlich müsste man sagen: aus Stein„-schrott“. Und die Decke im Inneren bestand
an vielen Stellen aus mit Stroh vermischtem Lehmputz. Außerdem hatte man aus Ersparnisgründen vor allem an der Nord- und
der Südseite so weit wie möglich die Reste der eingestürzten Vorgängerkirche genutzt. An der Südseite erkennt man noch deutlich die Umrisse eines Seiteneingangs und die heutige Nische in der Südwand im Inneren ist tatsächlich ein Fenster der Vorgängerkirche. Es wurde ebenfalls 1994 beim Abklopfen des Wandputzes entdeckt, konnte aber nicht nach außen geöffnet
werden, da sich dort einer der mächtigen Stützpfeiler befindet.
Der Altar
Zurück zum Blick vom Eingang nach Osten. Dieser Blick fällt als erstes auf den Altar. Seiner Wortbedeutung nach heißt Altar
„erhöhter Ort“. Erhöht ist in unserer Kirche jedoch nicht nur der Altar, sondern seine gesamte Umgebung, der Altarraum, zu dem drei Stufen hinaufführen. Drei Stufen – das wäre im Mittelalter kein Zufall gewesen, sondern Symbol für die Dreifaltigkeit Gottes als
Vater, Sohn und Heiliger Geist. In Wettbergen hat es sich einfach ergeben, als der gesamte Altarbereich Mitte der 80er Jahre neu
gestaltet wurde und dabei der Altartisch selbst eine neue Verkleidung bekam. Auf alten Fotos kann man noch sehen, dass
der Altartisch ursprünglich aus lehmverputztem Fachwerk bestand und ebenso wie die Altarsäulen und die die Emporen tragenden Balken schwarz angestrichen war. Der Altar hat seine zentrale Bedeutung als „Tisch des Herrn“, vor dem die gottesdienstliche Gemeinde das Abendmahl zum Gedächtnis an das letzte Abendmahl Jesu feiert. Das künstlerisch nicht besonders wertvolle neogotische Altarkreuz aus Messing zeigt den leidenden Jesus. Vor dem Kreuz liegt im allgemeinen eine aufgeschlagene Bibel und erinnert daran, dass „der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes geht“ (Matthäus 4, 4). Bibel und Kreuz werden eingerahmt durch zwei Bronzeleuchter mit Kerzen, die vor dem Gottesdienst angezündet werden und mit ihrem Licht jenes Licht symbolisieren, das mit Jesus in unsere Welt gekommen ist. Dass es zwei Kerzen sind, ist kein Zufall. Die Zahl Zwei steht in der christlichen Symbolsprache als Symbol für die beiden Sakramente Taufe und Abendmahl, aber auch für das Gegensatzpaar Gesetz und Evangelium, für Altes und Neues Testament, für die zugleich göttliche und menschliche Natur Christi. Die Zahlensymbolik findet sich bei unserem Altar auch noch an weiterer Stelle. Den Altartisch begrenzen vier gewundene Säulen. Die Zahl Vier – sie findet sich in unserer Kirche noch ein zweites Mal – steht als christliches Symbol unter anderem für die vier Flüsse des Paradieses, für das Gesamt der Welt mit ihren vier Himmelsrichtungen und insbesondere für die vier Evangelien/Evangelisten. Der Wettberger Altar hat im übrigen einen ganz berühmten Verwandten, den Altar des Petersdoms in Rom. Auch dort finden sich – in riesigen Dimensionen – vier gewundene Säulen und dahinter befindet sich wie bei uns ein Rundfenster. Die Wettberger Kirche ist damit jedoch nichts Besonderes. In etlichen anderen in der Barockzeit gebauten Kirchen finden sich ähnliche Altäre. Ursprünglich trugen die Säulen in unserer Kirche in der Mitte oben die Kanzel. Eine Goldene Konfirmandin erinnerte sich, dass noch in ihrer Kindheit hinter dem Altar eine Wendeltreppe nach oben führte, auf der der Pastor zur Predigt hinaufstieg. Einen solchen „Schwalbennest-Altar“ findet man heute noch nicht weit entfernt in Leveste und in Goltern. Die Christusfigur, die heute den Abschluss über der Altarwölbung bildet, ist leider unvollständig. Wir vermuten, dass es sich um einen „triumphierenden“, auf die Auferstehung hinweisenden Christus handelt, der ursprünglich eine Triumphfahne in der rechten Hand gehalten hat.
Die Kanzel
Heute steht die Kanzel – vom Eingang her gesehen – rechts vom Altar, dort, wo bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch ein großer
Ofen stand, die damals einzige Wärmequelle. Diese Kanzel ist mit ihren fünf aus dem 18. Jahrhundert stammenden Bildtafeln in
unserer Kirche sicher das lohnendste Objekt für eine eingehendere Betrachtung. Aufmerksamkeit zieht zunächst sicher die holzgeschnitzte kleine Figur des gekreuzigten Jesus auf sich. Aber zumindest ebenso beeindruckend ist das Gemälde auf der Tafel dahinter. Was dort dargestellt ist, folgt dem Bericht des Evangelisten Lukas (Kapitel 23, Seiten 44 bis 45):
„Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine
Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde und die
Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten
entzwei.“
Mit dem Bild einer Sonnenfinsternis über einer düsteren Landschaft stellt der unbekannte Künstler das von Lukas berichtete
Geschehen zur Todesstunde Jesu überzeugend vor Augen. Die je zwei Bildtafeln zu beiden Seiten der Kreuzigungsszene stellen die vier Evangelisten dar. Solche Darstellungen finden sich sehr häufig an Kanzeln. Sie verweisen darauf, dass von der Kanzel das Evangelium gepredigt und ausgelegt wird. Dementsprechend hat der Künstler alle vier Evangelisten mit einem Buch und einem Stift zum Aufschreiben des Wortes Gottes ausgestattet. Dabei ist – ein echtes Kuriosum – einer der Evangelisten, Matthäus, zum Linkshänder geraten. Ferner umschließt ein Nimbus (Heiligenschein) den Kopf jedes Evangelisten. Den vier Abbildungen den richtigen Namen zuzuordnen, wird dem Betrachter leicht gemacht. Der Name findet sich jeweils unter dem Bild ausgeschrieben, allerdings – für eine evangelische Kirche ungewöhnlich – mit einem vorangestellten „S.“ (Sankt = Heilig). Im Grunde ist das ausdrückliche Nennen des Namens aber ein Zeichen dafür, dass schon im 18. Jahrhundert die Fähigkeit zum Verstehen vieler christlicher Symbole verlorengegangen war. Denn jedem Evangelisten ist bereits in einer der unteren Ecken jenes Symbol zugeordnet, mit dem ihn die ja oft des Lesens unkundigen Menschen seit der frühen Christenheit identifizieren konnten: Matthäus ein geflügelter Mensch (kein Engel!), Markus ein Löwe, Lukas ein Stier und Johannes ein Adler. Es gibt verschiedene Interpretationen für diese Zuordnung. Für den Kirchenvater Irenäus von Lyon (2. Jahrhundert) spiegeln die Gestalten die vierfache Botschaft des Evangeliums wider: die menschliche Gestalt bei Matthäus die Menschwerdung Christi, der Löwe bei Markus die allüberwindende Macht Christi, der Stier bei Lukas den Opfertod Christi und der Adler bei Johannes die Ausgießung
des Heiligen Geistes aus der Höhe. In anderen Kirchen, z.B. der Klosterkirche Amelungsborn, schmücken diese Symbole die Schlusssteine hoch über dem Altarbereich, dem Ort der Verkündigung des Evangeliums.
Die Taufkerze
Ein weiteres Symbol findet sich in unserer Kirche in Gestalt der großen Taufkerze, die auf einem hohen Bronzeleuchter steht und
vor jedem Gottesdienst angezündet wird. Sie soll das Licht symbolisieren, das durch Jesus Christus in diese Welt gekommen ist und das mit der Taufe gleichsam weitergereicht wird. Vergegenwärtigen wir uns dazu, was das Neue Testament zur Bedeutung des Lichts sagt. Zu Beginn des Johannes-Evangeliums heißt es: „In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen... Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.“ Und im ersten Johannes-Brief steht: „Dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis“. Jesus selbst sagt: „Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe“. Die Taufkerze erhalten wir seit vielen Jahren von der katholischen Maximilian-Kolbe-Gemeinde am Gründonnerstag geschenkt und zünden sie am Ostersonntag, dem Fest der Auferstehung Christi, erstmals an. Auf ihr befindet sich ein Kreuz mit der jeweiligen Jahreszahl, das oben und unten von zwei griechischen Buchstaben, einem Alpha und einem Omega, eingerahmt wird. Die symbolische Verwendung dieser beiden Buchstaben findet sich ebenfalls bereits in der frühen Christenheit. Alpha und Omega sind der erste bzw. letzte Buchstabe des griechischen Alphabets und überall, wo sie im christlichen Brauchtum oder in der christlichen Kunst auftauchen, beziehen sie sich auf das letzte Kapitel der Bibel, wo Jesus in der Offenbarung des Johannes spricht: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“.
Die Grabtafel (Epitaph)
Das am stärksten zu Vermutungen anregende Kunstwerk in der Wettberger Kirche befindet sich an der Nordwand des Altarraumes. Es ist der obere Teil einer alten Grabtafel, auch Epitaph genannt, die sehr wahrscheinlich von dem früher an die Kirche angrenzenden Friedhof stammt. Viele Jahre hing sie an der nördlichen Außenmauer der Kirche und verwitterte dort mehr. Im Zuge der großen Renovierung im Jahr 1994 wurde sie in den Innenraum geholt und dort an der Wand befestigt. Lange Zeit haben alle Betrachter gerätselt, aus welcher Zeit diese Grabtafel stammen könnte und was die verschiedenen Figuren darstellen sollten. Ein Besuch in der Sankt-Osdag-Kirche in Mandelsloh brachte uns schließlich auf die richtige Spur und eine Beratung durch Dr. Müller, den früheren Leiter des Amtes für Bau- und Kunstpflege führte zu weiteren Klärungen. In Mandelsloh finden sich noch mehrere vollständige Epitaphe, die in ihrem oberen Teil – wie bei uns – eine Kreuzigungsszene sowie links und rechts unter dem Kreuz eine Reihe von männlichen und weiblichen Personen zeigen, die Frauen und Töchter immer rechts, die Männer und Söhne immer links. In der unteren Hälfte der Grabtafel wird dann jeweils beschrieben, zu wessen Andenken das Epitaph geschaffen wurde und wer darauf dargestellt wird. Alle Mandelsloher Epitaphe stammen aus dem 17. und dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Das Epitaph in unserer Kirche muss ungefähr zwischen 1620 und 1650 entstanden sein. Eine Kostümwissenschaftlerin konnte uns sagen, dass die von den drei Männern getragenen Pluderhosen nur in diesem Zeitraum in Mode waren. Die Zeitangabe ist insofern wichtig, weil sie weitere Spekulationen über die Aussagen der Grabtafel ermöglicht.
Von den Mandelsloher Epitaphen wissen wir, dass rechts immer die Ehefrau abgebildet war, oft auch – wegen der damaligen
Kindbettsterblichkeit – zwei oder drei Ehefrauen, dazu die der/den Ehe(n) entstammenden und noch lebenden Töchter. Links waren immer der Ehemann und die zum Zeit des Aufstellens der Grabtafel noch lebenden Söhne abgebildet. Auf unserer Grabtafel finden sich aber links drei Männer und rechts nur eine Frau. Also muss wohl diese Frau im Laufe ihres Lebens drei Ehemänner gehabt haben. Wie lässt sich das erklären? Hier hilft die Zeitangabe weiter. In der vermutlichen Entstehungszeit des Epitaphs wütete in unserer Gegend der Dreißigjährige Krieg mit ganz besonderer Brutalität. Man lese dazu einmal von Hermann Löns „Der Werwolf“. Es ist also durchaus vorstellbar, dass die rechts dargestellte Frau zwei ihrer Ehemänner im Krieg verloren hat. In den zwölf Quadraten („Gräbern“) zwischen den beiden Personengruppen sind sogenannte „Wickelkinder“ abgebildet. Das
sind Kinder, die sehr früh gestorben sind. In einem der Quadrate befinden sich sogar zwei „Wickelkinder“. Das bedeutet, dass diese Familie auch ein Zwillingspaar früh verloren hat; von insgesamt fünfzehn Kindern sind also nur eine Tochter und ein Sohn am Leben geblieben.
Die Emporen
Über dem Kirchenschiff befinden sich zu beiden Seiten zwei Emporen, von denen die nördliche nur von außen zugänglich ist,
über eine zum Teil noch die Spuren jahrhundertelanger Nutzung zeigende steile Treppe. Auf der anderen Empore, der sogenannten Orgelempore, findet sich der Spieltisch für die kleine, aus dem 19.Jahrhundert stammende, einmanualige Orgel.
Emporen sind typisch für die lutherischen Predigtkirchen; denn nachdem Martin Luther die Predigt in das Zentrum des Gottesdienstes gerückt hatte, brauchte man zusätzlichen Platz und Sitzgelegenheiten für die Zuhörer bei den oft sehr langen Predigten. Ursprünglich reichte die nördliche Empore bis weit in den Altarbereich hinein und wurde erst 1937 auf die heutige Länge gekürzt. Zwei gleichartige, merkwürdige Gebilde finden sich im Mittelpunkt der Wölbung, die die beiden Emporen nach Westen abschließen und die Orgel einrahmen. Viele haben sie als Weintraube interpretiert und damit als Symbol, das direkt auf Jesus verweist („Ich bin der Rebstock, ihr seid die Trauben“). Tatsächlich aber handelt es sich um Pinienzapfen. Auch die Pinie und ihre Früchte, die Zapfen, sind christliche Symbole. Sie verweisen als alte Fruchtbarkeits-Symbole auf den Lebensbaum im Paradies der Schöpfungsgeschichte und zugleich auf das Kreuz Christi als neuer Lebensbaum. An der Seitenwand der noch in ihrer ursprünglichen Bauweise erhaltenen Nord-Empore ist seit 1994 wieder das Wappen der früheren Patronatsfamilie Volger aus dem Jahr 1737 zu erblicken. Es war – uns Heutigen völlig unverständlich – vermutlich bei einer umfangreichen „Renovierung“ im Jahr 1937 mit blaugrüner Farbe übermalt worden. Das Wappen der Volger findet sich noch einmal über dem Eingang der Kirche und weist mit der Jahreszahl 1697 auf das Jahr der Einweihung unserer jetzigen Kirche hin.
Die Johannes-der-Täufer-Figur
Seit knapp zehn Jahren steht in der Nische, die 1994 aus einem Fenster der Vorgänger-Kirche gestaltet worden ist, eine große
holzgeschnitzte Figur, die Johannes den Täufer darstellt. Sie stammt aus dem 18. Jahrhundert, wahrscheinlich aus Nordhessen,
und konnte dank großzügiger Spenden von einem Restaurator erworben werden. In einer Hand trägt der Täufer eine Fahne in
Gestalt eines Spruchbandes mit den Worten „ecce agnus dei“ (siehe das Lamm Gottes). Diese Worte beziehen sich auf das, was Johannes sagt, als Jesus zu ihm kommt, um sich im Jordan taufen zu lassen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Johannes 1, 29) Sehr realistische ist die Bekleidung des Johannes den Schilderungen der ersten drei Evangelisten nachempfunden: „Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden.“ (Matthäus 3, 4) Auf unserer Täuferfigur sieht man – für Täuferdarstellungen sehr ungewöhnlich – sogar noch den skelettierten Kamelschädel.
Moderne Gestaltungsformen in einer Kirche aus dem Barock
Viele Besucher der Wettberger Kirche sind beeindruckt von den modernen Glasfenstern, die seit Ende der 90er Jahre den Altarraum schmücken und von dem Künstler Günter Grohs aus Wernigerode entworfen sind. Günter Grohs ist einer der wenigen Gestalter von farbigen Glasfenstern, die bei ihren Überlegungen von vornherein den gesamten Raum mit einbeziehen. Er wusste, dass die weiteren Seitenfenster im Kirchenschiff auf Dauer in Klarglas bleiben sollten, und hat daraufhin die beiden Seitenfenster im Altarraum mit einer Mischung von Klar- und Farbglas so angelegt, dass sie einen Übergang zu dem ganz mit schwach durchscheinendem, mattem Glas gestalteten Rundfenster bilden. Auch dass Günter Grohs für die Seitenfenster nur abstrakte
rechteckige Formen gewählt hat, hat seinen guten Grund. Auf die Bitte, er möge doch noch etwas Schwung in seinen Entwurf
hineinbringen, antwortete er: „Sie sehen doch durch ihre Fenster die bewegten Bäume in ihrer Formenvielfalt. Ich darf dann doch
nicht in den Fenstern die Natur verdoppeln und ihr dadurch ihr besonderes Gewicht nehmen“. Ebenso erwiderte er auf die Bitte nach etwas mehr Gelb in den Fenstern: „Sie haben die Wände Ihrer Kirche in einem so schönen barocken Gelb streichen lassen und dieses Gelb kommt im Kontrast zu den Farben der Fenster erst richtig zur Wirkung. Soll ich diese Wirkung zunichte machen?“ Die Farbe der Wände entspricht übrigens fast genau dem Farbton der Entstehungszeit der Kirche, den die Restauratoren 1994 als unterste von zehn Farbschichten wieder freigelegt hatten. Völlig unauffällig passt sich die heutige Beleuchtung, die Ende der 80er Jahre an die Stelle primitiver Wandleuchten getreten ist, in das Gesamt der Kirche ein. Nur Kenner werden auf Anhieb feststellen, dass es sich bei den Leuchten in der Wettberger Kirche um ein Produkt des weltberühmten dänischen Designers Poulsen handelt. Gute Freunde unserer Gemeinde haben seinerzeit die Anschaffung möglich gemacht. Ihnen ist die Gemeinde ebenso dankbar wie den zahlreichen Spendern für die Farbglasfenster.
Die Glocken
Der älteste Teil der Wettberger Kirche ist für Besucher kaum zugänglich, aber dafür gut zu hören. Es sind die beiden relativ kleinen Glocken, die nach Einschätzung von Fachleuten aus der Zeit der Gründung der frühesten Kirche in Wettbergen um das Jahr 1400 stammen. Sie haben also drei Kirchen überdauert und sogar den Zweiten Weltkrieg überlebt. Während fast alle Kirchen Hannovers und der Umgebung ihre Glocken für die Rüstungsindustrie spenden mussten, blieben die Wettberger Glocken verschont, vielleicht wegen ihres historischen Wertes, möglicherweise aber auch nur, weil sie so klein waren, dass sich eine Demontage nicht lohnte.
Nachwort
In den letzten 25 Jahren hat die Wettberger Kirche im Inneren und zum Teil auch in ihrer unmittelbaren Umgebung große Veränderungen erfahren. Sie ist zwar nicht mehr der unübersehbare Mittelpunkt eines kleinen Dorfes, aber sie ist mehr denn je ein Schmuckstück am Rande der Großstadt Hannover. Wir wissen nicht, wie spätere Generationen beurteilen werden, was in diesen 25 Jahren geschaffen wurde. Aber wir hoffen, dass unsere kleine Dorfkirche immer ein Haus des Glaubens und Stück Heimat für viele Menschen bleiben wird. Und wenn Sie vielleicht mit diesem Text in der Hand durch unsere Kirche gegangen sind, lesen Sie zum Abschied einige Worte des Predigers Salomo, aus denen jene Gelassenheit und Zuversicht angesichts von Gegenwart und Zukunft spricht, die wir uns alle wünschen: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit und sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit,
tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.”
Text von Dieter Brodtmann aus dem Medium Mai 2006