Fachleute und Politiker diskutieren über Armut
Veranstaltung zum Jahresthema fand in Gehrden statt
23.10.2009 - Quelle: Kirchenkreis

Superintendent Hermann de Boer diskutierte unter anderem mit Andrea Schink, Reinhard Dobelmann und Barbara Zunker (von links).
Mit einer Frage überschrieb der Kirchenkreis Ronnenberg seine Veranstaltung im Gemeindesaal Gehrden: Wächst die soziale Kluft? Die Antworten der dazu eingeladenen Referenten darauf fielen am Mittwochabend vor gut 40 Gästen unterschiedlich aus.
Die Quote derjenigen, die von Armut gefährdet lag zwischen 2005 und 2007 konstant bei um 14,6 Prozent. Demnach öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter , konstatierte Professor Lothar Eichhorn vom Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen (LSKN) die statistischen Erhebungen aus dem Mikrozensus. Dass die neue Sozialgesetzgebung Hartz IV Armut erhöhe, sei eine Legende. Allerdings: In den Jahren seit 1986 ist diese Quote kontinuierlich gestiegen , so Eichhorn. Als von Armut gefährdet gelten diejenigen, die unter 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Dieses lag bei 1257 Euro im Jahr 2007. Im Dezember werden Zahlen für 2008 erwartet.
Eichhorn warf einen differenzierten Blick auf die Zahlen. Bestimmte Lebenslagen erhöhen das Risiko, von Armut gefährdet zu sein. Zu besonders betroffenen Gruppen gehören Alleinerziehende, Kinder, Haushalte mit mehreren Kindern und Ausländer. Für die nächsten Jahre erwarte ich eine Erhöhung von Altersarmut, dies ist zurzeit nicht der Fall , so Eichhorn.
Ja, die soziale Kluft erhöht sich, war ein Tenor, der sich durch die Statements eingeladener Fachleute zog. Armut wird sichtbarer. Zuzahlungen zu Medikamenten fallen schwer, die Kleidung der Kinder passt nicht zur Jahreszeit , ist eine Beobachtung von Dr. Karin Heiming in ihrer Kinderarztpraxis.
Von steigenden Anträgen für Wohngeld berichtete die Gehrdener Sozialamtsleiterin Barbara Zunker. Sie erwarte im Zuge der Wirtschaftskrise, dass viele, die zurzeit in Kurzarbeit seien, erwerbslos werden. Die Gemeinde versuche durch Projekte, wie einen Mittagstisch, Kleiderkammer, die Unterstützung der Tafel und der Schuldnerberatung, Armut zu lindern.
Von über 400 Beratungen, die Kirchenkreissozialarbeiterin Andrea Schink 2008 durchführte, behandelten 70 Prozent sozialanwaltliche und wirtschaftliche Fragen. Armut zeigt sich in Isolation, darin, dass der Vereinsbeitrag oder die Nachhilfe nicht gezahlt werden können, dass eine Zahnbehandlung unterbleibt , merkte sie an.
Wer arm, ungebildet und aus einem anderen Land komme, erhalte statistisch gesehen nach einer Straftat eher eine Gefängnisstrafe, als ein Täter aus gutem Haus mit entsprechender Sozialprognose, setzte Thomas Schmidt, Leiter des Polizeikommissariats Barsinghausen einen anderen Akzent.
Teils heftige Kritik handelten sich Regionspolitiker von SPD, CDU, FDP und Grüne ein, als sie in einer letzten Diskussionsrunde zwar einzelne Projekte, wie die Familienhebammen oder Sozialtickets hervorhoben, aber unisono auf die zu kurze Finanzdecke im Regionshaushalt verwiesen. Auf den Zusammenhang von Bildungsferne und Armut verwies Bernhard Klockow, FDP, und forderte, zum Beispiel die Bildungsarbeit mit Eltern zu intensivieren. Sylvie Müller, SPD, sah neben der Politik auch die Gesellschaft in der Pflicht, vor Ort aktiv zu werden. Die KinderCard , die arme Kinder vom Eintritt in Vereinen oder Freibäder befreie, wolle die Grüne Fraktion, meinte der Abgeordnete Heinz Strassmann. Eine Diskussion, wie an dem Abend geführt, sensibilisiere und sei notwendig, um den Blick zu schärfen, betonte Dr. Luise Treiber, CDU.

Professor Lothar Eichhorn stellt statistische Ergebnisse zur Armutsverteilung vor.

Bernhard Klockow (FDP), Dr. Luise Treiber (CDU), Heinz Strassmann (Grüne) und Sylvie Müller (SPD) (von links) gehörten zu den Politikern, die Hermann de Boer (Mitte) in Gehrden begrüßte.
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