Professor Franz Segbers fordert Renaissance des Sozialstaats
30 Gäste hören Vortrag zum Auftakt der Reihe "Armut trotz Reichtum"
25.09.2009 - Quelle: Kirchenkreis
Für eine Renaissance des Sozialstaats plädierte am Donnerstagabend Franz Segbers in Ronnenberg. Der Professor aus Frankfurt sprach beim Auftakt der Veranstaltungsreihe „Armut trotz Reichtum“. Und auch der Kirche schrieb er deutliche Worte auf die Tagesordnung: Die Kirche müsse den Mut haben, deutlich Stellung zu beziehen. „Aber wo bleibt der Aufschrei der Kirchen? Die Armen haben Recht am gerechten Anteil an der Gesellschaft. Wie es den Armen geht, muss unser Maßstab sein“, meinte Segbers vor gut 30 Zuhörern im Gemeindhaus in Ronnenberg. Auch die Kirche habe sich zu wenig zu Wort gemeldet. Er kritisierte die Entwicklung einer verfehlten Politik, die den Sozialstaat geschwächt habe. Diskutiert werde eher, wie Wohlhabende weiter steuerlich entlastet werden können, die Frage von Gerechtigkeit und Solidarität habe an Bedeutung verloren. „Es wird weiter an den Markt geglaubt, der alles von sich aus regulieren kann. Doch es sind auch Veränderungen spürbar. Statt weiter die Haushalte zu konsolidieren, werden nun astronomische Schulden mit den Konjunkturpaketen gemacht“, erklärte er. Die Rezepte des Neoliberalismus, der Deregulierung seien gescheitert. Dies zeige die derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise. Sogar der Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann wandle sich vom Saulus zum Paulus und glaube nicht mehr an die Selbstregulierung des Marktes. „Die Spaltung zwischen Arm und Reich und die Finanzkrise sind Ergebnis derselben Politik. Der Staat wurde nicht in seiner Verantwortung gesehen und das der Wirtschaft Freiräume gegeben. Der Sozialstaat wurde demontiert, die Sicherheit der Renten geschwächt, Niedriglöhne ausgebaut. Das war politisches Programm“, kritisierte er. Eine Folge: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Zehn Prozent der Reichsten im Land halten 61,1 Prozent des privaten Vermögens in der Hand. Von 300 Milliarden Volkseinkommen in den Jahren 2000 bis 2007 gingen knapp 80 Milliarden an die Arbeitnehmer. Deutschland ist europaweit „Spitze“ im Niedriglohnsektor und das einzige EU-Land, in dem die Reallöhne bis 2008 sanken. „Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher“, lautete Segbers Fazit.
Entwickelt hätte sich in dieser Folge ein Wohlfahrtsmarkt, in dem bestimmte Leistungen, die der Sozialstaat nicht mehr vorhält, eingekauft werden. Auf dem Wohltätigkeitsmarkt erhalten auf der anderen Seite die Armen Hilfen, für die verschiedene Einrichtungen, auch die Kirche, tätig werden. Tafeln oder Suppenküchen entstehen. „Die Diakonie ist wichtig. Aber gefordert ist mehr von der Kirche. Sie muss in einer Haltung des Mitleidens auch Kirche für andere sein“, so Segbers. In der anschließenden Diskussion erwartete auch Superintendent Hermann de Boer eine Wende in der Kirche. „Auch mir fehlten die mahnenden Worte der Kirche. Eher wurde die Sprache der Ökonomie übernommen, auch in Zukunftspapieren der Kirche. Jetzt scheint ein Bewusstseinswandel in Sicht zu sein“, so de Boer. Das Thema Armut und Reichtum scheint in den Gemeinden anzukommen, meinte er auch mit Blick auf die Veranstaltungsreihe.
Den Vortrag von Professor Segbers finden Sie unten auf der Seite zum Download.
Vortrag Prof. Dr. Franz Segbers in Ronnenberg
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