Freitag, 19. Juni

Mitmensch

Besucht euch, redet miteinander. Lernt den Menschen kennen!

"Ein Rabbi fragte einen Schüler: Wann weicht die Nacht dem Tag? Woran erkennt man das? Der Schüler antwortete: Vielleicht, wenn man den ersten Lichtschimmer am Himmel sieht? Oder wenn man einen Busch schon von einem Menschen unterscheiden kann? Nein, erwiderte der Rabbi und sagte: Die Nacht weicht dem Tag, wenn der eine im Gesicht des anderen den Bruder und die Schwester erkennt. Solange das nicht der Fall ist, ist die Nacht noch in uns."

Heute ist die Dunkelheit noch nicht dem Tag gewichen. Heute lese ich in der Zeitung, dass wiederum ein Mensch mit dunkler Hautfarbe in den USA durch Schüsse eines Polizisten umgekommen ist. Der betrunkene Mann war bei einer Polizeikontrolle aufgefallen, hatte versucht zu fliehen und Polizisten mit einem Taser bedroht. Natürlich hatte er einen Fehler gemacht (wer weiß, vielleicht aus Angst, dass es ihm ergehen würde wie einem George Floyd). Das Problem ist nur: Viel zu schnell lösen solche Fehler von Menschen mit dunkler Hautfarbe verheerende Reaktionen aus, viel zu oft reagieren Polizisten schon auf kleine oder auch nur vermeintliche Vergehen unverhältnismäßig gewaltsam. Viel zu oft – denken auch wir, dass jemand, dessen Haut dunkler ist, einer ist, dem man nicht vertrauen kann. Immer noch ist das so. Davon zeugen die zahlreichen Berichte farbiger Menschen, die sich im Gefolge des gewaltsamen Todes von George Floyd öffentlich äußerten - und die hier leben, in unserem Land!

Der Rassismus ist immer noch da. Vielleicht äußert er sich nicht in Misstrauen oder Hass, sondern in der ach so freundlich anmutenden Bemerkung, dass eine Frau mit dunkler Haarfarbe und krausem Haar sicherlich fantastisch gut trommeln können müsste. Oder in der Frage an den Bundesbürger mit „deutschem“ Nachnamen, woher er denn eigentlich stamme.

Als ich während meiner Ausbildung das erste Mal als Unterrichtende vor einer Schulklasse stand, gehörte zu dieser Klasse auch ein dunkelhäutiges Mädchen. Am ersten Tag fiel mir das noch auf. Vielleicht auch am zweiten Tag. Am dritten Tag sah ich es nicht mehr.

Mit Leuten aus meinem früheren Kirchenkreis besuchte ich für mehrere Wochen einen Partnerkirchenkreis in Südafrika. In den ersten Tagen hatte ich Schwierigkeiten, die einzelnen Gesichter voneinander zu unterscheiden. Meiner Begleiterin ging es ebenso. Sahen sich die Leute nicht alle ähnlich? Nein, Thomas wirkte völlig anders als Muroaeng, der kleine John sprach ganz anders als der kleine Phillip... das merkte ich spätestens am dritten oder vierten Tag. Meine Augen hatten gelernt, den Menschen zu sehen. Nicht die Farbe, das glatte oder krause Haar, sondern den Thomas und den Muroaeng.

Vielleicht sollte das grundsätzlich in jedem Lehrplan stehen: Besucht euch, redet miteinander. Lernt den Menschen kennen!

Ein Neonazi braucht einen neuen Job. Er findet durch Vermittlung eines Bekannten Arbeit in einer Bildungseinrichtung (so nachzulesen in der aktuellen Ausgabe von „chrismon“). Unversehens wird er mit Menschen anderer Herkunft und anderer Hautfarbe konfrontiert. Ob er will oder nicht: er muss sich mit diesen „Ausländern“ auseinandersetzen. Und er entdeckt sie als Menschen, wird überrascht von ihrem Streben nach Selbstständigkeit, erfährt von ihrer Geschichte, und beginnt zu verstehen, warum sie die Gefahren der Flucht auf sich genommen haben. Und natürlich kann er dann nicht mehr Neonazi sein, sondern nur noch das Gegenteil: Mitmensch.

Da ist die Nacht dem Tag gewichen.

Elke Pankratz-Lehnhoff
Elke Pankratz-Lehnhoff

Ein Beitrag zum Sommerkalender von Pastorin Elke Pankratz-Lenhoff.