Die Mauersteine der Thomaskirche in Hohenbostel
Die Thomaskirche in Hohenbostel ist schon von Weitem an ihrem hohen doppelspitzigen Kirchturm zu erkennen. Dabei gehört dieser so typische Doppelhelm zu den jüngsten baulichen Veränderungen in der langen Geschichte der alten Kirche.
Im 12. Jahrhundert wurde diese romanische Kirche errichtet, als einschiffiger Bau mit massivem Turm im Westen und halbrunder Apsis im Osten, durchweg erbaut aus Quadern und Bruchsteinen des Deistersandsteins. Doch lediglich der untere Teil des Turms blieb unverändert, und die Steine liegen noch dort, wo sie vor über 800 Jahren aufeinandergesetzt wurden. Alle anderen sind im Laufe der baulichen Veränderungen noch einmal bewegt worden. Dabei ist das alte Baumaterial – mühevoll gewonnen, herantransportiert und bearbeitet – natürlich immer wieder eingesetzt worden.
Begleiten wir die Steine einmal kurz bei ihrem Auf und Ab: zunächst mal wurde, wie die Inschrift an einem Strebepfeiler des Chors besagt, 1463 die halbrunde Apsis durch den gotischen Chor ersetzt. Nach den Zerstörungen im 30-jährigen Krieg wurde 1653 das gesamte Kirchenschiff wieder aufgebaut, dokumentiert auf einer Steintafel an der Nordseite – dort, wo sich damals das Eingangsportal befand. Daneben sind zwei besondere Steine in die Mauer eingelassen: ein Steinbecken – vielleicht das Weihwasserbecken aus vorreformatorischer Zeit? – und ein sehr gut erhaltenes Wappen mit der Jahreszahl 1525 und der Darstellung eines Pferdes oder eines Löwen.
Da der Turm durch die Schwingungen der Glocken im Laufe der Zeit Risse aufwies, wurde er 1835 um ein Stockwerk herabgesetzt und bekam anstelle des bisherigen Satteldachs ein Pyramidendach. Die abgenommenen Steine wurden dabei zum Nachbargrundstück hin aufgetürmt und standen 1928 zur Verfügung, als im Zuge einer umfangreichen Sanierung der Turm wieder zu seiner ursprünglichen Höhe aufgestockt wurde und seine so markante Doppelspitze bekam. Das Eingangsportal wurde dabei in den Turm verlegt, und so betreten wir heute die Kirche durch diesen über 800 Jahre alten Turmraum mit seinem romanischen Kreuzgratgewölbe und dem Rundbogen zum Kirchenschiff hin. So viel zur Wanderung der Mauersteine im Verlauf der Kirchengeschichte.
Wesentlich ältere Einblicke bis hin zu ihrer Entstehung lassen diese Sandsteine bei genauerer Betrachtung aufgrund ihrer Erscheinung, Zusammensetzung und Struktur zu. Allen, die die Kirche in Hohenbostel kennen, ist sicher schon einmal das bunte Farbspiel aufgefallen, das dem Gemäuer einen gewissen Charme verleiht. Mal sind die Mauersteine gelblich, mal braun, grau oder rötlich, mal heller oder dunkler. Schauen wir genau hin, bietet sich von Stein zu Stein ein wildes Durcheinander in den Strukturen: neben menschengemachter Bearbeitung durch Steinmetze mit Scharriereisen oder Bossierhammer sehen wir naturgegebene Strukturen. Die Sandkörner sind feiner oder gröber, mal zeigt sich eine horizontale, mal eine schräge Schichtung, vereinzelt auch Strukturänderungen an ein und demselben Stein. Ab und zu sind sogar Strukturen von Muscheln zu entdecken.
„Ein wahres Bilderbuch, das uns an dieser einen Kirche viel über die Geologie des Deisters erzählt“ sagt der Geowissenschaftler Jörg Mutterlose aus Hannover, der die Fassadensteine unserer Kirche einmal fachkundig unter die Lupe genommen hat und den ich im Folgenden zitieren darf.
Bei den Mauersteinen unserer Kirche handelt es sich um einen meist bräunlich-gelben Quarzsandstein unterschiedlicher Körnung aus Steinbrüchen des Deisters, der in unserer Gegend in der frühen Kreidezeit abgelagert wurde – vor etwa 140 Millionen Jahren!
Beschaffenheit der Steine und Spuren von Lebewesen geben Auskunft über die Landschaft zu dieser Zeit. Damals war das Stückchen Erde, auf dem wir heute leben, ein flacher küstennaher Bereich am Rande eines riesigen Binnenmeeres. Aus weit im Süden gelegenen Bergen wurden Gesteinspartikel von Flüssen hierher transportiert und abgelagert. Die oft starken Schwankungen in Korngröße, Struktur und häufige Schichtwechsel lassen auf stark wechselnde Ablagerungsbedingungen schließen, wie sie im Deltabereich eines Flusses vorliegen.
Da es sich bei den Muscheln, deren Strukturen auf manchen Steinen zu sehen sind, durchweg um Süßwassermuscheln handelt, spielte sich das alles am Rande eines nicht marinen Meeresbeckens ab. Das Klima vor 140 Millionen war hier subtropisch, denn unser Landstrich lag wesentlich näher am Äquator. In ausgedehnten küstennahen Sumpfwäldern sowie in unserem gesamten Deltabereich stapften Dinosaurier durch die Landschaft und hinterließen ihre Spuren. Der Pflanzenreichtum der subtropischen Sumpfwälder bildete die Ausgangssubstanz für unsere Deisterkohle. Selbst hierzu gibt es einen Hinweis an einem der Mauersteine in Form von kleinsten Kohlepartikeln, sogenannten Kohleflittern. Im Laufe der Erdgeschichte wurden die vielen Sandschichten des Deltabereichs zu mächtigen Gesteinspaketen zusammengepresst, gebunden und verfestigt, die heute unseren Deistersandstein bilden.
Mit diesen Vorstellungen ihres Werdegangs im Kopf üben die Mauersteine unserer Thomaskirche vielleicht beim nächsten Besuch oder Spaziergang eine gewisse Faszination aus und laden zum genaueren Betrachten ein.
Wer neugierig geworden ist, kann sich auf den ausführlichen Beitrag freuen, der im nächsten Band der Naturhistorischen Gesellschaft Hannover erscheinen wird.
Bischoff, G., Mutterlose, J., Schmid, A. (im Druck): „Die Fassadensteine der Thomaskirche in Hohenbostel (Barsinghausen) – die Geologie des Deisters auf einen Blick“
Wer außerdem Lust hat, die Thomaskirche mal zu erkunden und Interessantes zu entdecken, an dem man oft vorbeiläuft, kann sich gern bei mir unter Tel 0172 4510934 melden.
Petra Henjes


